Der Krper ist der bersetzer der Seele ins sichtbare.
		-- Christian Morgenstern
%
Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen lchelnden Festungen.
		-- Christian Morgenstern
%
Ein Kunstwerk schn finden heit, den Menschen lieben, der es
hervorbrachte.
		-- Christian Morgenstern
%
Es ist merkwrdig, da ein mittelmiger Mensch oft vollkommen recht
haben kann und doch nichts damit durchsetzt.
		-- Christian Morgenstern
%
Vorsicht und Mitrauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegenber
Vorsicht und Mitrauen ntig.
		-- Christian Morgenstern
%
Wenn der moderne Mensch die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient,
selbst tten msste, wrde die Anzahl der Pflanzenesser ins
Ungemessene steigen.
		-- Christian Morgenstern
%
Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, ber sich ins Reine zu
kommen.
		-- Christian Morgenstern
%
Beim Menschen ist kein Ding unmglich im Schlimmen wie im Guten.
		-- Christian Morgenstern
%
Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie mglich,
um grer als diese zu bleiben.
		-- Christian Morgenstern
%
Es gibt kaum eine grere Enttuschung, als wenn Du mit einer recht
groen Freude im Herzen zu gleichgltigen Menschen kommst.
		-- Christian Morgenstern
%
Lachen und Lcheln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den
Menschen hineinhuschen kann.
		-- Christian Morgenstern
%
Der Mensch - ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.
		-- Christian Morgenstern
%
Die meisten wissen gar nicht, was sie fr ein Tempo haben knnten,
wenn sie sich nur einem den Schlaf aus den Augen rieben.
		-- Christian Morgenstern
%
Die zur Wahrheit wandern, wandern allein.
		-- Christian Morgenstern
%
Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern
versteht.
		-- Christian Morgenstern
%
Was ist das erste, wenn Herr und Frau Mller in den Himmel kommen? Sie
bitten um Ansichtskarten.
		-- Christian Morgenstern
%
Der Welt Schlssel heit Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen,
Sphen umsonst.
		-- Christian Morgenstern
%
Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Macht
euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Mglichkeiten laden
uns zu neuem Leben ein.
		-- Christian Morgenstern
%
Das ist meine schlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten
Menschen nicht gro, sondern klein.
		-- Christian Morgenstern
%
Jede grndliche Erfahrung mu mit eigenem Leben bezahlt werden - und
fremdem.
		-- Christian Morgenstern
%
Fr mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst nicht
einzuben: fortwhrende Kritik.
		-- Christian Morgenstern
%
Einander kennenlernen heit lernen, wie fremd man einander ist.
		-- Christian Morgenstern
%
Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.
		-- Christian Morgenstern
%
Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu
bleiben.
		-- Christian Morgenstern
%
Gedanken wollen wie Kinder und Hunde, da man mit ihnen im Freien spazieren geht.
		-- Christian Morgenstern
%
Die Ameisen oder Emsen
sind so weit jetzt, da sie Gemsen
sich als Sklaven halten (aus
Grnden ihres Krperbaus).
  Da sie selber sehr viel kleiner,
  so bedienen sie sich einer
  Gemse oder zweier Gemsen
  zu Gebirgspartien, die Emsen.
Ist sodann ein Adlernest
abgesucht bis auf den Rest,
gehn sie endlich, zog der Weih
schon den Ameisbren bei,
  wieder ihm aus Horst und Rock --
  und besteigen ihren Bock,
  der sie, wie ein Stein, der springt,
  heim zu ihrem Hgel bringt.
Angepflckt, so stehn die Gemsen
In der Nhe dort der Emsen,
bei den Lusen u.s.w.
und verwnschen ihre Reiter.
		-- Christian Morgenstern
%
    Anto-logie
Im Anfang lebte, wie bekannt,
als grter Suger der Gig-ant.
  Wobei gig eine Zahl ist, die
  es nicht mehr gibt, - so gro war sie!
Doch jene Gre schwand wie Rauch.
Zeit gab's genug -- und Zahlen auch.
  Bis eines Tags, ein winzig Ding,
  der Zwlef-ant das Reich empfing.
Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb?-
Sein Bein wird im Museum gelb.
  Zwar gab die gtige Natur
  den Elef-anten uns dafur.
Doch ach, der Pulverpavian,
der Mensch, voll Gier nach seinem Zahn,
  erschiet ihn, statt ihm Zeit zu lassen,
  zum Zehen-anten zu verblassen.
O Klub zum Schutz der wilden Tiere,
hilf, da der Mensch nicht ruiniere
  die Sprossen dieser Riesenleiter,
  die stets noch weiter fhrt und weiter!
Wie dankbar wird der Ant dir sein,
lt du ihn wachsen und gedeihn, --
  bis er dereinst im Nebel hinten
  als Nulel-ant wird stumm verschwinden.

		-- Christian Morgenstern
%
   Bim, Bam, Bum

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,
als htt' er Vogelflgel,
er fliegt in rmischer Kirchentracht
wohl ber Tal und Hgel.

Er sucht die Glockontnin BIM,
die ihm vorausgeflogen;
d. h. die Sache ist sehr schlimm,
sie hat ihn nmlich betrogen.

O komm so ruft er, komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen.
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,
dein BAM liebt dich von Herzen!

Doch BIM, da ihr's nur alle wit,
hat sich dem BUM ergeben;
der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben.

Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl ber Wald und Lichtung.
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,
er fliegt in falscher Richtung.

		-- Christian Morgenstern
%
Bundeslied der Galgenbrder

O schauerliche Lebenswirrn,
wir hngen hier am roten Zwirn!
Die Unke unkt, die Spinne spinnt,
und schiefe Scheitel kmmt der Wind.

O Greule, Greule, wste Greule!
Du bist verflucht! so sagt die Eule.
Der Sterne Licht am Mond zerbricht.
Doch dich zerbrach's noch immer nicht.

O Greule, Greule, wste Greule!
Hrt ihr den Ruf der Silbergule?
Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!
da taut's, da graut's, da braut's, da blaut's!

		-- Christian Morgenstern
%
Die Fingur

Es lacht die Nachtalp-Henne,
es weint die Windhorn-Gans,
es blst der schwarze Senne
zum Tanz.

Ein Uhu-Tauber turtelt
nach seiner Uhuin.
Ein kleiner Sechs-Elf hurtelt
von Busch zu Busch dahin..

Und Wiedergnger gehen,
und Raben rufen kolk,
und aus den Teichen sehen
die Fingur und ihr Volk...

		-- Christian Morgenstern
%
Fisches Nachtgesang

                                     -
                                    U U
                                    -- -
                                  U U U U
                                    -- -
                                  U U U U
                                    -- -
                                  U U U U
                                    -- -
                                  U U U U
                                    -- -
                                    U U
                                     -

		-- Christian Morgenstern
%
Die beiden Flaschen

Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,
die eine dick, die andre schlank.
Sie mchten gerne heiraten.
Doch wer soll ihnen beiraten?

Mit Ihrem Doppel-Auge leiden
sie auf zum blauen Firmament . .
Doch niemand kommt herabgerennt
und kopuliert die beiden.

		-- Christian Morgenstern
%
Galgenbruders Frhlingslied

Es lenzet auch auf unserm Spahn,
o selige Epoche!
Ein Hlmlein will zum Lichte nahn
aus einem Astwurmloche.

Es schaukelt bald im Winde hin
Und schaukelt bald drin her.
Mir ist beinah, Ich wre wer,
der ich doch nicht mehr bin . .

		-- Christian Morgenstern
%
    Der Gaul
Es lautet beim Professor Stein.
Die Kchin rupft die Hhner.
Die Minna geht: Wer kann das sein? --
Ein Gaul steht vor der Tre.
   Die Minna wirft die Tre zu.
   Die Kchin kommt: Was gibt's denn?
   Das Frulein kommt im Morgenschuh.
   Es kommt die ganze Familie.
Ich bin, verzeihn Sie, spricht der Gaul,
der Gaul vom Tischler Bartels.
Ich brachte Ihnen dazumaul
die Tr und Fensterrahmen!
   Die vierzehn Leute samt dem Mops,
   sie stehn, als ob sie trumten.
   Das kleinste Kind tut einen Hops,
   die andern stehn wie Bume.
Der Gaul, da keiner ihn versteht,
schnalzt blo mal mit der Zunge,
dann kehrt er still sich ab und geht
die Treppe wieder hinunter.
   Die dreizehn schaun auf lhren Herrn,
   ob er nicht sprechen mchte.
   Das war, spricht der Professor Stein,
   ein unerhrtes Erlebnis!..

		-- Christian Morgenstern
%
Das Gebet

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Halb neun!
Halb zehn!
Halb elf!
Halb zwlf!
Zwlf!
Dle Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.

		-- Christian Morgenstern
%
Der Gingganz

Ein Stiefel wandern und sein Knecht
von Knickebhl gen Entenbrecht.
Urpltzlich auf dem Felde drau
begehrt der Stiefel: Zich mich aus!
Der Knecht drauf: Es ist nicht an dem;
doch sagt mir, lieber Herre, -- : wem?
Dem Stiefel gibt es einen Ruck:
Frwahr, beim heiligen Nepomuk,
ich GING GANZ in Gedanken hin . . .
Du weit, da ich ein andrer bin,
seitdem ich meinen Herrn verlor. . .
Der Knecht wirft beide Arm' empor,
als wollt' er sagen: La doch, la!
Und weiter zieht das Paar frba.

		-- Christian Morgenstern
%
Das Hemmed

Kennst du das einsame Hemmed?
Flattertata, flattertata.
Der's trug, ist ba verdmmet!
Flattertata, flattertata.
Es knattert und rattert im Winde.
Windurudei, windurudei.
Es weint wie ein kleines Kinde.
Windurudei, windurudei.
Das ist das einsame
Hemmed.

		-- Christian Morgenstern
%
Himmel und Erde

Der Nachtwindhund weint wie ein Kind,
dieweil sein Fell von Regen rinnt.
Jetzt jagt er wild das Neumondweib,
das hinflicht mit gebognem Leib.
Tief unten geht, ein dunkler Punkt,
querberfeld ein Forstadjunkt.
		-- Christian Morgenstern
%
  Das Huhn

In der Bahnhofhalle, nicht fr es gebaut,
geht ein Huhn
hin und her...
Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteh'r?
Wird dem Huhn
man nichts tun?
Hoffen wir es! Sagen wir es laut:
da ihm unsre Sympathie gehrt,
selbst an dieser Sttte, wo es -- strt'!
		-- Christian Morgenstern
%
  Die Hystrix

Das hinterindische Stachelschwein
(hystrix grotei Gray),
das hinterindische Stachelschwein
aus Siam, das tut weh.
Entdeckst du wo im Walde drau
bei Siam seine Spur,
dann tritt es manchmal, sagt man, aus
den Schranken der Natur.
Dann gibt sein Zorn Ihm so Gewalt,
da, eh' du dich versiehst,
es seine Stacheln jung und alt
auf deinen Leib verschiet.
Von eben bis hinab sodann
stehst du gespickt am Baum,
ein heiliger Sebastian,
und traust den Augen kaum.
Die Hystrix aber geht hinweg,
an Leib und Seele wst.
Sie sitzt im Dschungel im Versteck
und bt.
		-- Christian Morgenstern
%
  Igel und Agel

Ein Igel sa auf einem Stein
und blies auf einem Stachel sein.
Schalmeiala, schalmeial!
Da kam sein Feinslieb Agel
und tat ihm schnigel schnagel
zu seinen Melodein.
Schnigula schnagula
schnaguleia l!
Das Tier verblies sein Fltenhemd...
Wie siehst Du aus so furchtbar fremd!?
Schalmeiala, schalmeial -- .
Feins Agel ging zum Nachbar, ach!
Den Igel aber hat der Bach
zum Weiher fortgeschwemmt.
Wigula wagula
waguleia w
t t .
		-- Christian Morgenstern
%
Km 21

Ein Rabe sa auf einem Meilenstein
und rief Ka-em-zwei-ein, Ka-em-zwei-ein..
Der Werhund lief vorbei, im Maul ein Bein,
Der Rabe rief Ka-em-zwei-ein, zwei-ein.
Vorber zottelte das Zapfenschwein,
der Rabe rief und rief Ka-em-zwei-ein.
Er ist besessen! - kam man berein.
Man fhre ihn hinweg von diesem Stein!
Zwei Hasen brachten ihn zum Kruterdachs.
Sein Hirn war ganz verstrt und weich wie Wachs.
Noch sterbend rief er (denn er starb dort) sein
Ka-em-zwei-ein, Ka-em-Ka-em-zwei-ein . .
		-- Christian Morgenstern
%
Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt --
als wr's ein Heiligtum.
Seitdem geht's einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
		-- Christian Morgenstern
%
Das Lied vom blonden Korken

Ein blonder Korke spiegelt sich
In einem Lacktablett --
allein er sh' sich dennoch nich',
selbst wenn er Augen htt'!
Das macht, dieweil er senkrecht steigt
zu seinem Spiegelbild!
Wenn man ihn freilich seitwrts neigt,
zerfllt, was oben gilt.
O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich
Im, sagen wir, -- im All!
Und senkrecht! -- wrest du dann nich'
ganz in demselben Fall?
		-- Christian Morgenstern
%
  Kronprtendenten

-- Ich bin der Graf von Raumur
und hass' euch wie die Schande!
Dient nur dem Celsio fr und fr,
Ihr Apostatenbande!
Im Winkel Knig Fahrenheit
hat still sein Mus gegessen.
-- Ach Gott, sie war doch schn, die Zeit,
die man nach mir gemessen!
		-- Christian Morgenstern
%
  Das Weiblein mit der Kunkel

Um 'stille Stbel schleicht des Monds
barbarisches Gefunkel --
im Gchen hoch im Norden wohnt's,
das Weiblein mit der Kunkel.
Es spinnt und spinnt. Was spinnt es wohl?
Es spinnt und spintisieret...
Es trgt ein weies Kamisol,
das seinen Krper zieret.
Um stille Stbel schleicht des Monds
barbarisches Gefunkel-
im Gchen hoch im Norden wohnt's,
Das Weiblein mit der Kunkel.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends pltzlich da --
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein groes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum,
Ein Anblick grlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri -- od -- Ameriko.
		-- Christian Morgenstern
%
Lunovis

Lunovis in planitie stat
Cultrumque magn' expectitat
Lunovis.
Lunovis herba rapta it
In montes, unde cucurrit.
Lunovis.
Lunovis habet somnium:
Se culmen rer' ess' omnium.
Lunovis.
Lunovis mane mortuumst.
Sol ruber atque ips' albumst.
Lunovis.
		-- Christian Morgenstern
%
  Die Mitternachtsmaus

Wenn's mitternchtigt und nicht Mond
noch Stern das Himmelshaus bewohnt,
luft zwlfmal durch das Himmelshaus
die Mitternachtsmaus.
Sie pfeift auf ihrem kleinen Maul, --
lm Traume brllt der Hllengaul . . .
Doch ruhig luft ihr Pensum aus
die Mitternachtsmaus.
Ihr Herr, der groe weie Geist,
ist nmlich solche Nacht verreist.
Wohl ihm! Es htet ihm sein Haus
die Mitternachtsmaus.
		-- Christian Morgenstern
%
  Mwenlied

Die Mwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hieen.
Sie tragen einen weien Flaus
und sind mit Schrot zu schieen.
Ich schiee keine Mwe tot,
Ich la sie lieber leben --
und fttre sie mit Roggenbrot
und rtlichen Zibeben.
O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Mwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heiest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.
		-- Christian Morgenstern
%
  Mondendinge

Dinge gehen vor im Mond,
die das Kalb selbst nicht gewohnt.
Tulemond und Mondamin
liegen heulend auf den Knien.
Heulend fletschen sie die Zhne
auf der schwefligen Hyne.
Aus den Kratern aber steigt
Schweigen, das sie berschweigt.
Dinge gehen vor im Mond,
die das Kalb selbst nicht gewohnt.
Tulemond und Mondamin
liegen heulend auf den Knien . . .
		-- Christian Morgenstern
%
  Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der groen Schur.
Das Mondschaf.
Das Mondschaf rupft sich einen Halm
Und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.
Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
Ich bin des Weltalls dunkler Raum.
Das Mondschaf.
Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist wei, die Sonn' ist rot.
Das Mondschaf.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Mond

Als Gott den lieben Mond erschuf,
gab er ihm folgenden Beruf:
Beim Zu-sowohl wie beim Abnehmen
sich deutschen Lesern zu bequemen,
ein A formierend und ein Z --
da keiner gro zu denken htt'.
Befolgend dies ward der Trabant
ein vllig deutscher Gegenstand.
		-- Christian Morgenstern
%
  Das Nasobm

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.
Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.
Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobm.
		-- Christian Morgenstern
%
  Nein!

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?
Nein!
Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches chzte,
glelch als ob
Im Galopp
eine mdgehetzte Mhre
nach dem nchsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wre).
		-- Christian Morgenstern
%
  Palmstrm

Palmstrm steht an einem Teiche
und entfaltet gro ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.
Palmstrm wagt nicht sich hineinzuschneuzen, --
er gehrt zu jenen Kuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schnen packt.
Zrtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fhlender wird ihn verdammen,
weil er unzeschneuzt entschreitet.
		-- Christian Morgenstern
%
  Philanthropisch

Ein nervser Mensch auf einer Wiese
wre besser ohne sie daran;
darum seh' er, wie er ohne diese
(meistens mindstens) leben kann.
Kaum da er gelegt sich auf die Grser
naht der Ameis, Heuschreck, Mck und Wurm,
naht der Tausendfu und Ohrenblser,
und die Hummel ruft zum Sturm.
Ein nervser Mensch auf einer Wiese
tut drum besser, wieder aufzustehn
und dafr in andre Paradiese
(beispielshalber: weg) zu gehn.
		-- Christian Morgenstern
%
  Die Probe

Zu einem seltsamen Versuch
erstand ich mir ein Nadelbuch.
Und zu dem Buch ein altes zwar,
doch uerst khnes Dromedar.
Ein Reicher auch daneben stand,
zween Scke Gold in jeder Hand.
Der Reiche ging alsdann herfr
und klopfte an die Himmelstr
Drauf Petrus sprach: Geschrieben steht,
da ein Kamel weit eher geht
durchs Nadelhr, als Du, du Heid
durch diese Tre gro und breit!
Ich, glaubend fest an Gottes Wort,
ermunterte das Tier sofort,
Ihm zeigend hinterm Nadelhr
ein Zuckerhrnchen als Douceur.
Und in der Tat! Das Vieh ging durch,
obzwar sich quetschend wie ein Lurch!
Der Reiche aber sah ganz stier
und sagte nichts als: Wehe mir!
		-- Christian Morgenstern
%
  Das Problem

Der Zwlf-Elf kam auf sein Problem
und sprach: Ich heie unbequem.
Als hie' ich etwa Drei-Vier
statt Sieben -- Gott verzeih mir!
Und siehe da, der Zwlf-Elf nannt' sich
von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrbte sich so hllenhei,
weil seine Dame Flgel spielte,
trotzdem er heulte; da (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekrh der Morgenhhne
aufstand als wie ein hoher Greis --
mit einer silberweien Mhne.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Purzelbaum

Ein Purzelbaum trat vor mich hin
und sagte: Du nur siehst mich
und weit, was fr ein Baum ich bin:
Ich schiee nicht, man schiet mich.
Und trag' ich Frucht? Ich glaube kaum;
auch bin ich nicht verwurzelt.
Ich bin nur noch ein Purzeltraum,
sobald ich hingepurzelt.
Jenun, so sprach ich, bester Schatz,
du bist doch klug und siehst uns; --
nun, auch fr uns besteht der Satz:
wir schieen nicht, es schiet uns.
Auch Wurzeln treibt man nicht so bald,
und Frchte nun erst recht nicht.
Geh heim in deinen Purzelwald,
und lstre dein Geschlecht nicht.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Rabe Ralf

Der Rabe Ralf
will will hu hu
dem niemand half
still still du du
half sich allein
am Rabenstein
will will still still
hu hu
Die Nebelfrau
will will hu hu
nimmt's nicht genau
still still du du
sie sagt nimm nimm
's ist nicht so schlimm
will will still still
hu hu
Doch als ein Jahr
will will hu hu
vergangen war
still still du du
da lag im Rot
der Rabe tot ,
will will still still
du du
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Schaukelstuhl
  auf der verlassenen Terrasse.

Ich bin ein einsamer Schaukelstuhl
und wackel im Winde, im Winde.
Auf der Terrasse, da ist es kuhl,
und ich wackel im Winde, im Winde.
Und ich wackel und nackel den ganzen Tag.
Und es nackelt und rackelt die Linde
Wer wei, was sonst wohl noch wackeln mag
		-- Christian Morgenstern
%
  Unter Schwarzknstlern

Eines Mittags las man:
Pfiffe zu mieten gesucht!
Hundertweis, zu jedem Preis!
Victor Emanuel Wasmann!
Um sechs Uhr kam der erste Pfiff
von einem alten Kohlenschiff.
Um acht Uhr waren's tausend schon.
Um neun Uhr eine halbe Million.
Victor Emanuel Wasmann schlug
die Tre zu: Nun ist's genug!
Hrt zu, ihr Pfiffe!
Ich habe einen Feind (hrt! hrt!),
der mir des nachts die Ruhe strt, -
auf den sollt ihr marschieren!
Er hat Gelchter angestellt,
die schickt er nachts mir an mein Bett,
da hocken sie auf der Decke,
mit Flgeln wei und Flgeln rot,
und krhn und flattern mich zu Tod. --
Doch alles hat sein Ende.
Die Pfiffe pfiffen wie Ein Mann;
empfingen ihren Sold sodann.
(Ein Schusterjungenpfiff sogar
bot Wasmann sich als Bravo dar.)
Drauf lie er sie durchs Ofenloch..
Doch lange stand er brtend noch,
schrieb Zeichen, hob die Hand und schwur,
ein schwarzer Meister der Natur..
*
Bald nach diesem ging
ein Herr Axel Ring
kurzerhand
auer Land. --
Wasmann hatte gesiegt.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Seufzer

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nchtlichem Eis
und trmte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneewei
glnzten die Stadtwallgebude.
Der Seufzer dacht' an ein Maidelein
und blieb erglhend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm --
und er sank -- und ward nimmer gesehen.
		-- Christian Morgenstern
%
  Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid

Sophie, mein Henkersmdel,
komm, ksse mir den Schdel!
Zwar ist mein Mund
ein schwarzer Schlund --
doch du bist gut und edel!
Sophie, mein Henkersmdel,
komm, streichle mir den Schdel!
Zwar ist mein Haupt
des Haars beraubt --
doch du bist gut und edel!
Sophie, mein Henkersmdel,
komm, schau mir in den Schdel!
Die Augen zwar,
sie fra der Aar --
doch du bist gut und edel!
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Tanz

Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule
trafen sich im Schatten einer Sule,
die im Geiste Ihres Schpfers stand.
Und zum Spiel der Fiedelbogenpflanze
reichten sich die zwei zum Tanze
Fu und Hand.
Und auf seinen dreien rosa Beinen
hpfte das Vierviertelschwein grazis,
und die Auftakteul' auf ihrem einen
wiegte rhythmisch ihr Gekrs.
Und der Schatten fiel,
und der Pflanze Spiel
klang verwirrend melodis.
Doch des Schpfers Hirn war nicht von Eisen,
und die Sule schwand, wie sie gekommen war;
und so mute denn auch unser Paar
wieder in sein Nichts zurcke reisen.
Einen letzten Strich
tat der Geigerich-
und dann war nichts weiter zu beweisen.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Traum der Magd

Am Morgen spricht die Magd ganz wild:
Ich hab heut nacht ein Kind gestillt --
ein Kind mit einem Ks als Kopf --
und einem Horn am Hinterschopf!
Das Horn, o denkt euch, war aus Salz
und ging zu essen, und dann --
Halt's --
halt's Maul! so spricht die Frau, und geh
an deinen Dienst, Z-zi-li-!
		-- Christian Morgenstern
%
                                Die Trichter
                                      
                   Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
                    Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
                          fliet weies Mondlicht
                              still und heiter
                                 auf ihren
                                  Waldweg
                                   U. S.
                                     W.
		-- Christian Morgenstern
%
  Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stieen aufs Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann).
Plusquamper und Exaktfutur
blinzten nur.
		-- Christian Morgenstern
%
  Gei und Schleiche

Die Schleiche singt ihr Nachtgebet,
die Waldgei staundend vor ihr steht.
Die Waldgei schttelt ihren Bart,
wie ein Magister Hochgelahrt.
Sie wei nicht, was die Schleiche singt,
sie hrt nur, da es lieblich klingt.
Die Schleiche fllt in Schlaf alsbald.
Die Gei geht sinnend durch den Wald.
		-- Christian Morgenstern
%
       Der Werwolf
Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!
  Der Dorfschulmeister stieg hinauf
  auf seines Blechschilds Messingknauf
  und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
  geduldig kreuzte vor dem Toten:
"Der Werwolf" -- sprach der gute Mann,
"des Weswolfs", Genitiv sodann,
"dem Wemwolf", Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf", -- "damit hat's ein End".
  Dem Werwolf schmeichelten die Flle,
  er rollte seine Augenblle.
  Indessen, bat er, fge doch
  zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber mute
gestehn, da er von ihr nichts wute.
Zwar Wlfe gb's in groer Schar,
doch "Wer" gb's nur im Singular.
  Der Wolf erhob sich trnenblind --
  er hatte ja doch Weib und Kind!!
  Doch da er kein Gelehrter eben,
  so schied er dankend und ergeben.

		-- Christian Morgenstern
%
       Die Werwlfe

Doch als er so nach Hause kam
ward seine Frau mit ihm ganz gram.
"Was!", rief sie aus, "die Mehrzahl fehlt?
Das kann nicht sein! Wie mich das qult!
  Du hast den falschen Mann gefragt,
  der dumm geblieben bis in's Grab.
  Sofort zurck zum nchsten Ort,
  erneut gefragt und dann Rapport!"
Der Werwolf also schlich bekmmert
erneut zum Friedhof als es dmmert.
Dort findet er nach langem Suchen
das Grab von Meister Konrad Duden.
  Verneigt sich dort und bittet hflich
  um Beugung seiner Frau (falls mglich).
  Und auch sein Kind. - Sie all' mit Bangen
  nach Beugung Plural sie verlangen.
Zunchst Herr Duden ist emprt,
im Grabe fhlt er sich gestrt.
Doch als er das Problem vernommen,
ist Mitleid ber ihn gekommen.
  Er legt die blasse Stirn in Falten,
  wirkt freundlich, nicht mehr ungehalten
  und spricht nach kurzer berlegung
  (nicht ohne innere Erregung):
"Sag' deinem Weib und deinem Kind,
wo drei Werwlf zusammen sind
und Beugung aller drei erbeten,
ein Plural ist wie folgt vonnten:
  Die Werwlfe", hob er dann an,
  "der Weswlfe, die folgen dann.
  Den Wemwlfen - man sieht sie selten,
  die Wenwlfe, als Spuk sie gelten."
Der Werwolf dankte hocherfreut
und rannte heim zu seiner Meut'.
Und seitdem feiern jedes Jahr
die Werwlfe auch im Plural.

		-- Udo Bahntje (Nachfahre Christian Morgensterns zu dessen Werwolf)
%
  Die Weste

Es lebt in Sditalien eine Weste
an einer Kirche dmmrigem Altar.
Versteht mich recht: Noch dient sie Gott aufs beste.
Doch wie in Adam schon Herr Hckel war,
(zum Beispiel blo), so stockt in diesem Reste
Brokat voll Silberblmlein wunderbar
schon heut der krause bergang verborgen
vom Geist von gestern auf den Wanst von morgen.
		-- Christian Morgenstern
%
  Die Westksten

Die Westksten traten eines Tages zusammen
und erklrten, sie seien keine Westksten,
weder Ostksten noch Westksten-
da sie nicht wten!
Sie wollten wieder ihre Freiheit haben
und fr immer das Joch des Namens abschtteln,
womit eine Horde von Menschenbtteln
sich angemat habe, sie zu begaben.
Doch wie sich befreien, wie sich erretten
aus diesen widerwrtigen Ketten?
Ihr Westksten, fing eine an zu spotten,
gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?
Und wenn schon! rief eine andre schrill.
Wenn ich seine Magd nicht mehr heien will? --
Dann blieben aber immer noch die Atlanten --
meinte eine von den asiatischen Tanten.
Schlielich, wie immer in solchen Fllen,
tat man eine Resolution aufstellen.
FnfhundertTintenfische wurden aufgetrieben,
und mit ihnen wurde folgendes geschrieben;
Wir Westksten erklren hiermit einstimmig,
da es uns nicht gibt, und zeichnen hoch-achtungsvoll:
Die vereinigten Westktsten der Erde.-
Und nun wollte man, da dies verbreitet werde.
Sie riefen den Walfisch, doch er tat's nicht achten;
sie riefen die Mwen, doch die Mwen lachten;
sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht;
sie riefen ich wei nicht was, doch ich wei nicht was kam nicht
Ja, wieso denn, wieso? schrie die Kste von Ecuador:
Wrst du etwa kein Walfisch, du grober Tor?
Sehr richtig, sagte der Walfisch mit vollkommener Ruh:
Dein Denken, liebe Kste, dein Denken macht mich erst dazu.
Da war's den Ksten, als sh'n sie sich im Spiegel;
ganz seltsam erschien ihnen pltzlich Ihr Gewiegel.
Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land.
Und die Resolution, die blieb unversandt.
		-- Christian Morgenstern
%
  Das
sthetische
Wiesel

Ein Wiesel
sa auf einem Kiesel
Inmitten Bachgeriesel.
Wit ihr
weshalb?
Das Mondkalb
verriet es mir
Im Stillen:
Das raffinier-
te Tier
tat's um des Reimes willen.
		-- Christian Morgenstern
%
  Der Wrfel

Ein Wrfel sprach zu sich: Ich bin
mir selbst nicht vllig zum Gewinn!
Denn meines Wesens sechste Seite,
und sei es auch Ein Auge blo
sieht immerdar statt in die Weite,
der Erde ewig dunklen Scho.
Als dies die Erde, drauf er ruhte,
vernommen, ward ihr schlimm zu Mute.
Du Esel, sprach sie, ich bin dunkel,
weil dein Ges mich just bedeckt!
Ich bin so licht wie ein Karfunkel,
sobald du dich hinweggefleckt.
Der Wrfel, innerlichst beleidigt,
hat sich nicht weiter drauf verteidigt.
		-- Christian Morgenstern
%
  Die Beichte des Wurms

Es lebt in einer Muschel
ein Wurm gar seltner Art;
der hat mir mit Getusches
sein Herze offenbart.
Sein armes kleines Herze,
hei, wie das flog und schlug!
Ihr denket wohl, ich scherze?
Ach, denket nicht so klug.
Es lebt in einer Muschel
ein Wurm gar seltner Art;
der hat mir mit Getuschel.
sein Herze offenbart.
		-- Christian Morgenstern
%
  Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln gro und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strmpfe fr die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug fr einen Tag.
		-- Christian Morgenstern
%
       Der Zwlf-Elf
Der Zwlf-Elf hebt die linke Hand:
Da schlgt es Mitternacht im Land.
Es lauscht der Teich mit offnem Mund
Ganz leise heult der Schluchtenhund.
Die Dommel reckt sich auf im Rohr
Der Moosfrosch lugt aus seinem Moor.
Der Schneck horcht auf in seinem Haus
Desglelchen die Kartoffelmaus.
Das Irrlicht selbst macht Halt und Rast
auf einem windgebrochnen Ast-
Sophie, die Maid, hat ein Gesicht:
Das Mondschaf geht zum Hochgericht.
Die Galgenbrder wehn im Wind.
Im fernen Dorfe schreit ein Kind.
Zwei Maulwrf kssen sich zur Stund
als Neuvermhlte auf den Mund.
Hingegen tief im finstern Wald
ein Nachtmahr seine Fuste ballt:
Dieweil ein spter Wanderstrumpf
sich nicht verlief in Teich und Sumpf.
Der Rabe Ralf ruft schaurig: Kra!
Das End ist da! Das End ist da!
Der Zwlf-Elf senkt die linke Hand:
Und wieder schlft das ganze Land.
		-- Christian Morgenstern
%
      Der Glaube
Eines Tags bei Kohlhasficht
sah man etwas Wunderbares.
Doch da zweifellos und wahr es,
dafr brgt das Augenlicht.
  Nmlich standen dort zwei Hgel,
  hchst solid und wohl bestellt;
  einen schmckten Windmhlflgel
  und den andern ein Kornfeld.
Pltzlich eines Tags um viere
wechselten die Pltze sie;
furchtbar brllten die Dorfstiere,
und der Mensch fiel auf das Knie.
  Doch der Bauer Anton Metzer,
  weit berhmt als frommer Mann,
  sprach: Ich war der Landumsetzer,
  zeigt mich nur dem Landrat an.
Niemand anders als mein Glaube
hat die Berge hier versetzt.
Da sich keiner was erlaube:
Denn ich fhle stark mich jetzt.
  Aller Auge stand gigantisch
  offen, als er dies erzhlt.
  Doch das Land war protestantisch,
  und in Dalldorf starb ein Held.
 
		-- Christian Morgenstern
%
   Gruselett

Der Flgelflagel gaustert
durchs Wiruwaruwolz,
die rote Fingur plaustert,
und grausig gutzt der Golz.

		-- Christian Morgenstern
%
    Die Kugeln

Palmstrm nimmt Papier aus seinem Schube.
Und verteilt es kunstvoll in der Stube.

Und nachdem er Kugeln draus gemacht.
Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.

Und verteilt die Kugeln so (zur Nacht),
da er, wenn er pltzlich nachts erwacht,

da er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln
knistern hrt und ihn ein heimlich Grugeln

packt (da ihn dann nachts ein heimlich Grugeln
packt) beim Spuk der packpapiernen Kugeln ...

		-- Christian Morgenstern
%
    Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terasse,
auf da er sich ein Opfer fasse

- und strzt alsbald mit groem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitsch!"
und hat ihn drauf bis Montag frh.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Elster

Ein Bach, mit Namen Elster, rinnt
durch Nacht und Nebel und besinnt
inmitten dieser stillen Handlung
sich seiner einstigen Verwandlung,
die ihm vor mehr als tausend Jahren
von einem Magier widerfahren.

Und wie so Nacht und Nebel weben,
erwacht in ihm das alte Leben,
Er fhrt in eine in der Nhe
zufllig eingeschlafene Krhe
und fliegt, dieweil sein Bett verdorrt,
wie dermaleinst als Vogel fort.

		-- Christian Morgenstern
%
  Entwurf zu einem Trauerspiele

Ein Flu, namens Elster,
besinnt sich auf seine wahre Gestalt
und fliegt eines Abends
einfach weg.

Ein Mann, namens Anton,
erblickt ihn auf seinem Acker und schiet
ihn mit seiner Flinte
einfach tot.

Das Tier, namens Elster,
bereut zu spt seine selbstische 'Tat
(denn - Wassersnot tritt
einfach ein).

Der Mann, namens Anton,
(und das ist leider kein Wunder) wei
von seiner Mitschuld
einfach nichts.

Der Mann, namens Anton,
(und das vershnt in einigem Ma)
verdurstet gleichwohl
einfach auch.

		-- Christian Morgenstern
%
  Es ist Nacht

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hlt's nicht aus,
hlt's nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

		-- Christian Morgenstern
%
  Gespenst

Es gibt ein Gespenst,
das frit Taschentcher;
Es begleitet dich
auf deiner Reise,
es frit dir aus dem Koffer,
aus dem Bett,
aus dem Nachttisch,
wie ein Vogel
aus der Hand,
vieles weg, -
nicht alles, nicht auf ein Mal.
Mit achtzehn Tchern,
stolzer Segler,
fuhrst du hinaus
aufs Meer der Fremde,
mit acht bis sieben
kehrst du zurck,
ein Gram der Hausfrau.

		-- Christian Morgenstern
%
  Gruselett

Der Flgelflagel gaustert
durchs Wiruwaruwolz,
die rote Fingur plaustert,
und grausig gutzt der Golz.

		-- Christian Morgenstern
%
  Palmstrm legt des Nachts sein Chronometer

Palmstrm legt des Nachts sein Chronometer,
um sein lstig Ticken nicht zu hren,
in ein Glas mit Opium oder ther.

Morgens ist die Uhr dann ganz 'herunter'.
Ihren Geist von neuem zu beschwren,
wscht er sie mit schwarzem Mokka munter.

		-- Christian Morgenstern
%
  Zzilie

Zzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

"Durch meine Fenster mu man," spricht die Frau,
"so durchsehn knnen, da man nicht genau,
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloe Luft ist. Merk dir das."
Zzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ...
Doch hnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei -
und schlgt die Fenster allesamt entzwei!
Dann subert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht zunchst verdutzt:
"So hat Zzilie ja noch nie geputzt"

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und sagt einstimmig: "Diese Magd mu gehn!"

		-- Christian Morgenstern
%
  Auf dem Fliegenplaneten

Auf dem Fliegenplaneten,
da geht es dem Menschen nicht gut:
Denn was er hier der Fliege,
die Fliege dort ihm tut.

An Bndern voll Honig kleben
die Menschen dort allesamt,
und andere sind zum Verleben
in sliches Bier verdammt.

In einem nur scheinen die Fliegen
dem Menschen vorauszustehn:
Man bckt uns nicht in Semmeln,
noch trinkt man uns aus Versehn.

		-- Christian Morgenstern
%
Der Trumer

Palmstrm stellt ein Bndel Kerzen
auf des Nachttischs Marmorplatte
und verfolgt es beim Zerschmelzen.

Seltsam formt es ein Gebirge
aus herabgefloner Lava,
bildet Zotteln, Zungen, Schnecken.

Schwankend ber dem Gerinne
stehn die Dochte mit den Flammen
gleichwie goldene Zypressen.

Auf den weien Mrchenfelsen
schaut des Trumers Auge Scharen
unverzagter Sonnenpilger.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Enten laufen Schlittschuh

Die Enten laufen Schlittschuh
auf ihrem kleinen Teich.
Wo haben sie denn die Schlittschuh her -
sie sind doch gar nicht reich?

Wo haben sie denn die Schlittschuh her?
Woher? Vom Schlittschuhschmied!
Der hat sie ihnen geschenkt, weit du,
fr ein Entenschnatterlied.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Nabelschnur

Auch der Kaufmann hier in Babel
ist ein heimlicher Feldwabel,
treibt's in seinen Auslagscheiben,
wie's die Tempelhofer treiben,
  lt die Waren aufmarschieren,
  sich in Reih und Glied formieren,
  rechts Console, links Console,
  mittendrin Tablett mit Bowle.
Weiter vorn am Rand der Rampe
links ne Lampe, rechts ne Lampe.
Oben in der Mitte Gips
und im Halbkreis unten Nippes.
  Steht so alles stramm gefget,
  hat er seiner Pflicht genget
  und beim Zwlfuhr-Wache-Schritt
  klirn sein Fenster lustig mit.
Ja, es trgt in diesem Babel
jeder noch die Schnur am Nabel,
welche zu dem Korporal
fhrt von anno dazumal.

		-- Christian Morgenstern
%
  Das Polizeipferd

Palmstrm fhrt ein Polizeipferd vor.
Dieses wackelt mehrmals mit dem Ohr
und berechnet den ertappten Tropf
logarhythmisch und auf Spitz und Knopf.

Niemand wagt von nun an einen Streich:
denn der Gaul berechnet ihn sogleich.
Offensichtlich wchst im ganzen Land
menschliche Gesittung und Verstand.

		-- Christian Morgenstern
%
  Von dem groen Elefanten

Kennst du den groen Elefanten,
du weit, den Onkel von den Tanten,
den ganz ganz groen, weit du, der -
der immer so macht, hin und her.

Der lt dich nmlich vielmals gren,
er hat mit seinen eignen Fen
hineingeschrieben in den Sand:
Gr mir Sophiechen Windelband!

Du darfst mir ja nicht drber lachen.
Wenn Elefanten so was machen,
so ist dies selten, meiner Seel!
Weit seltner als bei dem Kamel.

		-- Christian Morgenstern
%
  Der Sperling und das Knguruh

In seinem Zaun das Knguruh -
es hockt und guckt dem Sperling zu.

Der Sperling sitzt auf dem Gebude -
doch ohne sonderliche Freude.

Vielmehr, er fhlt, den Kopf geduckt,
wie ihn das Knguruh beguckt.

Der Sperling strubt den Federflaus -
die Sache ist auch gar zu kraus.

Ihm ist, als ob er kaum noch se . . .
Wenn nun das Knguruh ihn fre?!

Doch dieses dreht nach einer Stunde
den Kopf aus irgend einem Grunde,

vielleicht auch ohne tiefern Sinn,
nach einer andern Richtung hin.

		-- Christian Morgenstern
%
  Das Auge der Maus

Das rote Auge einer Maus
lugt aus dem Loch heraus.

Es funkelt durch die Dmmerung . . .
Das Herz gert in Hmmerung.

"Das Herz von wem?" Das Herz von mir!
Ich sitze nmlich vor dem Tier.

O Seele, denk an diese Maus!
Alle Dinge sind voll Graus.

		-- Christian Morgenstern
%
  Nachtbild

Es horcht ein Hofhund hinterm Zaun -
("Achtung! Hunde!")
Es horcht ein Hofhund hinterm Zaun
zur mitternchtigen Stunde.
Mit glhenden Augen steht der Hund
an einem Mbelwagen . . .
Der Mensch ist fort. Die Nacht ist rund
mit Sternen ausgeschlagen.

		-- Christian Morgenstern
%
  Kleine Geschichte

Litt einst ein Fhnlein groe Not,
halb war es gelb, halb war es rot
und wollte gern zusammen
zu einer lichten Flammen.

Es zog sich, wand sich, wellte sich,
es knitterte, es schnellte sich -
umsonst! es mocht nicht glcken,
die Naht zu berbrcken.

Da kam ein Wolkenbruch daher
und wusch das Fhnlein kreuz und quer,
da Rot und Gelb, zerflossen,
voll Inbrunst sich genossen.

Des Fhnleins Herren freilich war
des Vorgangs Freudigkeit nicht klar -
indes, die sich besaen,
nun alle Welt vergaen.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die zwei Parallelen

Es gingen zwei Parallelen
ins Endlose hinaus,
zwei kerzengerade Seelen
und aus solidem Haus.
  Sie wollten sich nicht schneiden
  bis an ihr seliges Grab:
  Das war nun einmal der beiden
  geheimer Stolz und Stab.
Doch als sie zehn Lichtjahre
gewandert neben sich hin,
da wards dem einsamen Paare
nicht irdisch mehr zu Sinn.
  Warn sie noch Parallelen?
  Sie wutens selber nicht, -
  sie flossen nur wie zwei Seelen
  zusammen durch ewiges Licht.
Das ewige Licht durchdrang sie,
da wurden sie eins in ihm;
die Ewigkeit verschlang sie
als wie zwei Seraphim.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch,
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mittendrin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrber, da schneit es, hu!

Sie rcken zusammen dicht an dicht,
so warm wie Hans hat's niemand nicht.

Sie hr'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

		-- Christian Morgenstern
%
  Der sthet

Wenn ich sitze, will ich nicht
sitzen, wie mein Sitz-Fleisch mchte,
sondern wie mein Sitz-Geist sich,
se er, den Stuhl sich flchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,
schtzt am Stuhl allein den Stil,
berlt den Zweck des Mbels
ohne Grimm der Gier des Pbels.

		-- Christian Morgenstern
%
  Mgde am Sonnabend

Sie hngen sie an die Leiste,
die Teppiche klein und gro,
sie hauen, sie hauen im Geiste
auf ihre Herrschaft los.

Mit einem wilden Behagen,
mit wahrer Berserkerwut,
fr eine Woche voll Plagen
khlen sie sich den Mut.

Sie hauen mit splitternden Rohren
im infernalischen Takt.
Die vorderhuslichen Ohren
nehmen davon nicht Akt.

Doch hinten jammern, zerrissen
im Tiefsten, von Hieb und Sto,
die Lufer, die Perserkissen
und die dicken deutschen Plumeaus.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Vogelscheuche

Die Raben rufen: "Krah, krah, krah!
Wer steht denn da, wer steht denn da?
Wir frchten uns nicht, wir frchten uns nicht
vor dir mit deinem Brillengesicht.

Wir wissen ja ganz genau,
du bist nicht Mann, du bist nicht Frau.
Du kannst ja nicht zwei Schritte gehn
und bleibst bei Wind und Wetter stehn.

Du bist ja nur ein bloer Stock,
mit Stiefeln, Hosen, Hut und Rock.
Krah, krah, krah!"

		-- Christian Morgenstern
%
  Das Geierlamm

Der Lmmergeier ist bekannt,
das Geierlamm erst hier genannt.

Der Geier, der ist offenkundig,
das Lamm hingegen untergrundig.

Es sagt nicht hu, es sagt nicht mh
und frit dich auf aus nchster Nh.

Und dreht das Auge dann zum Herrn.
Und alle habens herzlich gern.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Windhosen

Beim Windhosenschneider Amorf
erstehen sich Palmstrm und Korf
zwei Windbeinkleider aus best-
empfohlenem Nordnordwest.

So angetan wirbeln sie quer
und kreuz ber Festland und Meer
und fassen die Schurken beim Schopf
und lassen die Guten beim Topf.

Der Wetterwart schaut sie und stutzt:
Zum ersten Mal sieht er verdutzt,
was sonst rein phnomenal,
im Dienst einer klaren Moral.

		-- Christian Morgenstern
%
  Fips

Ein kleiner Hund mit Namen Fips
erhielt vom Onkel einen Schlips
aus gelb und roter Seide.

Die Tante aber hat, o denkt,
ihm noch ein Glcklein drangehngt
zur Aug- und Ohrenweide.

Hei, war der kleine Hund da stolz.
Das merkt sogar der Kaufmann Scholz
im Hause gegenber.

Den grte Fips sonst mit dem Schwanz;
jetzt ging er voller Hoffart ganz
an seiner Tr vorber.

		-- Christian Morgenstern
%
  Der Papagei

Es war einmal ein Papagei,
der war beim Schpfungsakt dabei
und lernte gleich am rechten Ort
des ersten Menschen erstes Wort.

Des Menschen erstes Wort war A
und hie fast alles, was er sah,
z.B. Fisch, z. B. Brot,
z.B. Leben oder Tod.

Erst nach Jahrhunderten voll Schnee
erfand der Mensch zum A das B
und dann das L und dann das Q
und schlielich noch das Z dazu.

Gedachter Papagei indem
ward lter als Methusalem,
bewahrend treu in Brust und Schnabel
die erste menschliche Vokabel.

Zum Schlusse starb auch er am Zips.
Doch heut noch steht sein Bild in Gips,
geschmckt mit einem grnen A,
im Staatsschatz zu Ekbatana.

		-- Christian Morgenstern
%
      Bahn frei!
Nur mt ihr mich nicht halten wollen,
wenn die Rosse der Phantasie
vor meiner Geiel dahinrasen!
Wehe dem Schurken,
der mir in die Zgel fllt, -
siebenmal schleif ich ihn
um den Bezirk
meiner Welt.
Wehe vor allem dem Rezensenten,
der mir
mit hchst ungriechischem Feuer
den Weg bedrut.
Meine Peitsche ist lnger noch
als seine Ohren,
von strkerem Leder
als seine Hirnhaut,
die Schnur noch gespaltner
als seine Zunge.
Bahn frei!
Kurz ist zur Fahrt die Zeit.
Springt mit herauf,
wenn's euch lstet!
Tausend gewhr ich Platz,
hier an den Mhnen,
hier an den Schweifen,
hier auf den Rcken der Rosse,
und hier oben bei mir
auf dem Wagen
weiteren tausend.
Herauf, Freunde!
Sturm um die Stirn,
Sonnen im Aug,
so lat uns jauchzend
die tausendundein Weltwege
durchbrausen.
		-- Christian Morgenstern
%
  Die wirklich praktischen Leute

Es kommen zu Palmstrm heute
die wirklich praktischen Leute,
  die wirklich auf allen Zehen
  im wirklichen Leben stehen.
Sie klopfen ihm auf den Rcken
und sind in sehr vielen Stcken -
  so sagen sie - ganz die Seinen.
  Doch wer, der mit beiden Beinen
im wirklichen Leben stnde,
der wte doch und befnde,
  wie viel, so gut auch der Wille,
  rein idealistische Grille.
Sie schtteln besorgt die Kpfe
und drehn ihm vom Rock die Knpfe
  und hoffen zu postulieren:
  er wird auch einer der Ihren,
ein Glanzstck erlesenster Sorte,
ein Brger, mit einem Worte.

		-- Christian Morgenstern
%
  Herr Meier

Herr Meier hlt sich fr das Ma der Welt.
Verstndlich ist allein, was ihm erhellt.

Herr Meier sagt, wozu doch eure Kunst,
wenn nicht fr mich! Sonst ist sie eitel Dunst.

Noch mehr, bei weitem mehr: Herr Meier meint,
da dann die Kunst im Grunde strflich scheint.

Man mu sich eiligst von Herrn Meier wenden,
um nicht mit Mord und Raserei zu enden.

		-- Christian Morgenstern
%
  Wenn von links mich Feld und Dickicht riefe
und von rechts der Mensch der "bessern Kreise" -

zg ich meinen Hut in aller Tiefe
und begbe mich zu Fuchs und Meise.

Denn was dort nicht dumm ist, ist verbogen.
Deutsche Brgerwelt, du bist verlogen.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Behrde

Korf erhlt vom Polizeibro
ein geharnischt Formular,
wer er sei und wie und wo.
  Welchen Orts er bis anheute war,
  welchen Stands und berhaupt,
  wo geboren, Tag und Jahr.
Ob ihm berhaupt erlaubt,
hier zu leben und zu welchem Zweck,
wieviel Geld er hat und was er glaubt.
  Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck
  in Arrest verfhren wrde, und
  drunter steht: Borowsky, Heck.
Korf erwidert darauf kurz und rund:
"Einer hohen Direktion
stellt sich, laut persnlichem Befund,
  untig angefertigte Person
  als nichtexistent im Eigen-Sinn
  brgerlicher Konvention
vor und aus und zeichnet, wennschonhin
mitbedauernd nebigen Betreff,
Korf. (An die Bezirksbehrde in -.)"
  Staunend liests der anbetroffne Chef.

		-- Christian Morgenstern
%
  Der fromme Riese

Korf lernt einen Riesen kennen,
dessen Frau ihm alles in den Mund gibt,
was sie nicht mag.
  Nacht und Tag,
  wenn sie ihm solchen Willen kundgibt,
  sieht man ihn seine Lippen geduldig trennen
und vorsichtig hinter sein Zahngehege
alles schieben, was seiner Frau im Wege.
  Und es ist ihr viel im Wege, der Frau.
  Ganz unmglich wre, zu sagen genau,
was von Mcke bis Mammut gewissermaen
ihr mifllt. Man findet da ganze Straen,
ganze Stdte voll Menschen, man findet Grten,
  Flsse, Berge neben Percken, Brten,
  Stcken, Tellern, Kleidern; mit einem Worte:
  eine Welt versammelt sich an gedachtem Orte.
v. Korf mifllt und wird von dem frommen
Riesengatten still in den Mund genommen.
  Und nur, weil er ein "Geist", wie schon beschrieben,
  ist er nicht in diesem Gela verblieben.

		-- Christian Morgenstern
%
    Korfs Verzauberung
Korf erfhrt von einer fernen Base,
einer Zauberin,
die aus Kruterschaum Planeten blase,
und er eilt dahin,
eilt dahin gen Odelidelase,
zu der Zauberin . . .
  Findet wandelnd sie auf ihrer Wiese,
  fragt sie, ob sie sei,
  die aus Kruterschaum Planeten bliese,
  ob sie sei die Fei,
  sei die Fei von Odeladelise.
  Ja, sie sei die Fei!
Und sie reicht ihm willig Krug und hre,
und er blst den Schaum,
und sieh da, die wunderschnste Sphre
wlbt sich in den Raum,
wlbt sich auf, als obs ein Weltball wre,
nicht nur Schaum und Traum.
  Und die Kugel lst sich los vom Halme,
  schwebt gelind empor,
  dreht sich um und mischt dem Sphrenpsalme,
  mischt dem Sphrenchor
  Tne, wie aus ferner Hirtenschelme,
  dringen sanft hervor.
In dem Spiegel aber ihrer Runde
schaut v. Korf beglckt,
was ihm je in jeder guten Stunde
durch den Sinn gerckt:
Seine Welt erblickt mit offnem Munde
Korf entzckt.
  Und er nennt die Base seine Muse,
  und sieh da! sieh dort!
  Es erfat ihn was an seiner Bluse
  und entfhrt ihn fort,
  fhrt ihn fort aus Odeladeluse
  nach dem neuen Ort . . .
   -- Christian Morgenstern
%
 
    Ausflug mit der Eisenbahn
Puff-puff Eisenbahn -
jetzt fahren wir nach Wiesenplan!
  Wiesenplan, das ist die Stadt,
  die den Kohlweiling zum Brger hat.
Der Kohlweiling bewohnt ein Haus,
das sieht wie eine Glocke aus -
  wie eine Glockenblume blau!
  Da wohnt der Kohlweiling mit seiner Frau.
Und weht der Wind, macht die Glocke kling, kling,
und da freuen sich Herr und Frau Schmetterling.
  Puff-puff Eisenbahn!
  Jetzt fahren wir wieder aus Wiesenplan
hinaus, hinaus, dem Walde zu . . .
wohin? wohin? . . . Nach - Quellwaldruh!
  Der Bahnwrter von Quellwaldruh,
  das ist ein Frosch und quakt dazu.
"Quak, quak, aussteigen! quak!
in Quellwaldruh ist heut Ostertag!
  In Quellwaldruh ist heut Osterfeier,
  da versteckt der Osterhas bunte Eier!
Rote und gelbe und allerlei,
und das Suchen steht allen Fahrgsten frei!
  Quak, quak, quak! Guten Tag!"
  Guten Tag! Schnen Dank! Herr Bahnwrter Quak!
Und jetzt wollen wir unter den Eichen und Buchen
und Tannen und Birken die Ostereier suchen!
  Und im Moos und unter den groen Wurzeln,
  darber die kleinen Kinder purzeln.
Nicht wahr? Und haben wir alle gefunden
und in unsre Sacktcher eingebunden,
  dann fahren wir am Abend wieder nach Haus
  und packen das Wunder vor Gromutter aus! -
    -- Christian Morgenstern
%
  Waldmrchen

Es lebt ein Ries' im Wald,
der hat ein Ohr so gro,
wenn da ein Donner schallt,
ist's ihm ein Jucken blo.

Er macht so mit der Hand,
als wie nach einer Hummel -
sein eigenes Gegrummel
erschreckt das ganze Land.

Und kommt die Regenzeit,
dann schlft er, und es wird
aus seinem Ohr ein Teich,
und dort sitzt dann der Hirt

und trnkt dran seine Schaf;
doch manchmal dreht, o Graus,
der Ries' sich um im Schlaf -
und dann ist alles aus.

		-- Christian Morgenstern
%
  Der Leu

Auf einem Wandkalenderblatt
ein Leu sich abgebildet hat.

Er blickt dich an, bewegt und still,
den ganzen 17. April.

Wodurch er zu erinnern liebt,
da es ihn immerhin noch gibt.

		-- Christian Morgenstern
%
       Der Sndfloh

Als schauerlich und grausenvoll
die Sndflut um die Berge schwoll,
kam noch im siebenten Moment
ein junger Floh herzugerennt.

Doch da das obligate Paar
von Flhen schon im Kasten war,
so mute Noah ihn bestimmen,
ins nasse Grab zurckzuschwimmen.

Voll Eifer gleichfalls protestierten
die beiden, die bereits logierten,
weil - riefen sie (besonders er) -
ein dritter nicht gestattet wr.

Der Sndfloh (denn er war es) blieb,
obschon verborgen wie ein Dieb -
und zwar (trotz Jahwen in der Hhe)
von einem der zwei beiden Flhe.

Von welchem braucht man nicht zu sagen.
Doch ward hierdurch aus Vorzeittagen
das Dreieck, von dem Ibsen schreibt,
der Neuzeit wieder einverleibt.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die beiden Esel

Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:

"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"

Doch wie es kommt so fter eben:
Die beiden blieben frhlich leben.

		-- Christian Morgenstern
%
  Eine Stimmung aus dem vierten Kreis

Zwei Hnde, die so wei, so wei
als wie ein schlohwei Laken,
vereinten sich im vierten Kreis,
whrend sie sonst gewohnterweis
in zwei verschiednen Taschen staken.

Sie zitterten, jedoch nur leis,
als ob sie vor sich selbst erschraken,
sie fhlten sich auf fremdem Gleis,
und dennoch taten sie mit Flei
sich ineinander haken.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Nhe

Die Nhe ging vertrumt umher . . .
Sie kam nie zu den Dingen selber.
Ihr Antlitz wurde gelb und gelber,
und ihren Leib ergriff die Zehr.

Doch eines Nachts, derweil sie schlief,
da trat wer an ihr Bette hin
und sprach: "Steh auf, mein Kind, ich bin
der kategorische Komparativ!

Ich werde dich zum Nher steigern,
ja, wenn du willst, zur Nherin!" -
Die Nhe, ohne sich zu weigern,
sie nahm auch dies als Schicksal hin.

Als Nherin jedoch verga
sie leider vllig, was sie wollte,
und nhte Putz und hie Frau Nolte
und hielt all Obiges fr Spa.

		-- Christian Morgenstern
%
  Das Lwenreh

Das Lwenreh durcheilt den Wald
und sucht den Frster Theobald.

Der Frster Theobald desgleichen
sucht es durch Pirschen zu erreichen,

und zwar mit Kugeln, deren Gift
zu Rauch verwandelt, wen es trifft.

Als sie sich endlich haben, schiet
er es, worauf es ihn geniet.

Allein die Kugel wirkt alsbald:
Zu Rauch wird Reh nebst Theobald . . .

Seitdem sind beide ohne Frage
ein dankbares Objekt der Sage.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Tagnachtlampe

Korf erfindet eine Tagnachtlampe,
die, sobald sie angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

Als er sie vor des Kongresses Rampe
demonstriert, vermag
niemand, der sein Fach versteht,
zu verkennen, da es sich hier handelt -

(Finster wirds am hellerlichten Tag,
und ein Beifallssturm das Haus durchweht.)
(Und man ruft dem Diener Mampe:
"Licht anznden!") - da es sich hier handelt

um das Faktum: da gedachte Lampe,
in der Tat, wenn angedreht,
selbst den hellsten Tag
in Nacht verwandelt.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die zwei Turmuhren

Zwei Kirchturmuhren schlagen hintereinander,
weil sie sonst widereinander schlagen mten.
Sie vertragen sich wie zwei wahre Christen.
Es wre dementsprechend zu fragen:
warum nicht auch die Vlker
hintereinander statt widereinander schlagen.
Sie knnten doch wirklich ihren Zorn
auslassen, das eine hinten, das andre vorn.
Aber freilich: Kleine Beispiele von Vernunft
nderten noch nie etwas am groen Narreteispiele der Zunft.

		-- Christian Morgenstern
%
  Gleichnis

Palmstrm schwankt als wie ein Zweig im Wind . . .
Als ihn Korf befrgt, warum er schwanke,
meint er: weil ein lieblicher Gedanke,
wie ein Vogel, zrtlich und geschwind,
auf ein kleines ihn belastet habe -
schwanke er als wie ein Zweig im Wind,
schwingend noch von der willkommnen Gabe . . .

		-- Christian Morgenstern
%
  Steine statt Brot

Ja, wenn die ganze Siegesallee
aus Mehl gebacken wre -
das wre eine gute Idee,
auf Ehre!

Man sprche zum Hungernden: I dich rund
(dein Landesvater will es!)
an Otto dem Faulen, an Siegismund,
an Cicero, an Achilles!

Zu Dank zerflsse bei arm und reich
des Mivergngens Wolke:
es wre geholfen auf einen Streich
dem ganzen deutschen Volke.

Ein Loblied snge der deutsche Geist
vom Pregel bis zum Rheine.
Gib Kunst, o Frst, die nhrt und speist!
Gib Brot, o Frst, nicht Steine!

		-- Christian Morgenstern
%
  Muhme Kunkel

Palma Kunkel ist mit Palm verwandt,
doch im brigen sonst nicht bekannt.
Und sie wnscht auch nicht bekannt zu sein,
lebt am liebsten ganz fr sich allein.

ber Muhme Palma Kunkel drum
bleibt auch der Chronist vollkommen stumm.
Nur wo selbst sie aus dem Dunkel tritt,
teilt er dies ihr Treten treulich mit.

Doch sie trat bis jetzt noch nicht ans Licht,
und sie will es auch in Zukunft nicht.
Schon, da hier ihr Name lautbar ward,
widerspricht vollkommen ihrer Art.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwlfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistens ist in sechs bis acht
Wrtern vllig abgemacht,
und in ebensoviel Stzen
lt sich Bandwurmweisheit schwtzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreit:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text - zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
lse, so bebrillt, man - nicht!
Dreiunddreiig seinesgleichen
gben erst - Ein - - Fragezeichen!!

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Mittagszeitung

Korf erfindet eine Mittagszeitung,
welche, wenn man sie gelesen hat,
ist man satt.
Ganz ohne Zubereitung
irgendeiner andern Speise.
Jeder auch nur etwas Weise
hlt das Blatt.

		-- Christian Morgenstern
%
      Die Mausefalle
           I
Palmstrm hat nicht Speck im Haus,
dahingegen eine Maus.
  Korf, bewegt von seinem Jammer,
  baut ihm eine Gitterkammer.
Und mit einer Geige fein
setzt er seinen Freund hinein.
  Nacht ists, und die Sterne funkeln,
  Palmstrm musiziert im Dunkeln.
Und derweil er konzertiert,
kommt die Maus hereinspaziert.
  Hinter ihr, geheimerweise,
  fllt die Pforte leicht und leise.
Vor ihr sinkt in Schlaf alsbald
Palmstrms schweigende Gestalt.
           II
Morgens kommt v. Korf und ldt
das so ntzliche Gert
  in den nchsten, sozusagen
  mittelgroen Mbelwagen,
den ein starkes Ro beschwingt
nach der fernen Waldung bringt,
  wo in tiefer Einsamkeit
  er das seltne Paar befreit.
Erst spaziert die Maus heraus
und dann Palmstrm, nach der Maus.
  Froh geniet das Tier der neuen
  Heimat, ohne sich zu scheuen.
Whrend Palmstrm, glckverklrt,
mit v. Korf nach Hause fhrt.
		-- Christian Morgenstern
%
Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Anton
bekehrt, beschlo, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.

Er a seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegrie.
Doch Grie, Gras, Rose flo, o Graus,
entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.
Fnfhunden Fische sind verreckt.
Doch Sankt Antn, gerufen eilig,
sprach nichts als: "Heilig! heilig! heilig!"

		-- Christian Morgenstern
%
Die Lampe

Es steht eine Lampe am weiten Meer.
Wo kommt denn die Lampe, die Lampe her?

Sie trgt ein Reformhemd aus grnem Tang
und steht auf der Insel Fragnichtlang.

Die Lampe, die Lampe, die Lampe, weh,
sie kommt aus der Werweiwosisee!

Da liegt ein Schiff ganz unten kaputt,
und aus seinen Fenstern schaun Molch und Butt.

Die Wellen, die Wellen, die haben sie geschwemmt?
Jetzt trumt sie, den Fu auf die Kste gestemmt,

in ihrem Reformkleid aus grnem Tang . . .
Und im Hintergrund, da liegt - Fragnichtlang.

		-- Christian Morgenstern
%
  Gesprch einer Hausschnecke mit sich selbst

Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus -
Hauseraus
Hauseritraus
Hausenaus
Rauserauserauserause . . .

(Die Schnecke verfngt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr
diese gehen mit ihr dermaen durch, da sie die weitere Entscheidung
der Frage verschieben mu.)

		-- Christian Morgenstern
%
  Der Verge

Er war voll Bildungshung, indes,
soviel er las
und Wissen a,
er blieb zugleich ein Unverbe,
ein Unver, sag ich, als Verge;
ein Sieb aus Glas,
ein Netz aus Gras,
ein Vielfra -
doch kein Haltefra.

		-- Christian Morgenstern
%
  Vormittag am Strand

Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hrte;
kein Lftchen lief, kein Stimmchen strte,
kein Wellchen wlbte sich zum Schlag.

Nur sie, die Fische, brachen leis
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.

		-- Christian Morgenstern
%
  Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so da man fast drauf gehen kann,
und kommt ein groer Fisch geschwommen,
so stt er mit der Nase an.
  Und nimmst du einen Kieselstein
  und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
  und titscher - titscher - titscher - dirr . . .
  Heia, du lustiger Kieselstein!
  Er zwitschert wie ein Vgelein
  und tut als wie ein Schwlblein fliegen -
  doch endlich bleibt mein Kieselstein
  ganz weit, ganz weit auf dem See drauen liegen.
Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wr etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
  Aber bald, aber bald
  werden wir selbst auf eignen Sohlen
  hinausgehn knnen und den Stein wiederholen.

		-- Christian Morgenstern
%
  
An meine Taschenuhr

Du schlimme Uhr, du gehst mir viel zu schnell;
und doch - dich schauend, sah ich selber hell.
Unschuldig Rderwerk, was schalt ich dich?
Ich geh zu langsam, ach zu langsam - ich.

		-- Christian Morgenstern
%
  Denkmalswunsch

Setze mir ein Denkmal, cher,
ganz aus Zucker, tief im Meer.

Ein Swassersee, zwar kurz,
werd ich dann nach meinem Sturz;

doch so lang, da Fische, hundert,
nehmen einen Schluck verwundert. -

Diese it in Hamburg und
Bremen dann des Menschen Mund. -

Wiederum in eure Kreise
komm ich so auf gute Weise,

whrend, werd ich Stein und Erz,
nur ein Vogel seinen Sterz

oder gar ein Mensch von Wert
seinen Witz auf mich entleert.

		-- Christian Morgenstern
%
  Segelfahrt

Nun snftigt sich die Seele wieder
und atmet mit dem blauen Tag,
und durch die auferstandnen Glieder
pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.

Wir sitzen plaudernd Seit an Seite
und fhlen unser Herz vereint;
gewaltig strebt das Boot ins Weite,
und wir, wir ahnen, was es meint.

		-- Christian Morgenstern
%
  Es pfeift der Wind . . .

Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl?
Eine tolle, nrrische Weise.
Er pfeift auf einem Schlssel hohl,
bald gellend und bald leise.

Die Nacht weint ihm den Takt dazu
mit schweren Regentropfen,
die an der Fenster schwarze Ruh
ohn End eintnig klopfen.

Es pfeift der Wind. Es sthnt und gellt.
Die Hunde heulen im Hofe. -
Er pfeift auf diese ganze Welt,
der groe Philosophe.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Unterhose

Heilig ist die Unterhose,
wenn sie sich in Sonn und Wind,
frei von ihrem Alltagslose,
auf ihr wahres Selbst besinnt.

Frhlich ledig der Blamage
steter Souterrnitt,
wirkt am Seil sie als Staffage,
wie ein Segel leicht geblht.

Keinen Tropus ihr zum Ruhme
spart des Malers Kompetenz,
preist sie seine treuste Blume
Sommer, Winter, Herbst und Lenz.

		-- Christian Morgenstern
%
  Sprachstudien

Korf und Palmstrm nehmen Lektionen,
um das Wetter-Wendische zu lernen.
Tglich pilgern sie zu den modernen
Ollendorffschen Sprachlehrgrammophonen.

Dort nun lassen sie mit vielen andern,
welche gleichfalls steile Charaktere
(gleich als obs ein Ziel fr Edle wre),
sich im Wetter-Wendischen bewandern.

Dies Idiom behebt den Geist der Schwere,
macht sie unstet, launisch und cholerisch . . .
Doch die Sache bleibt nur peripherisch.
Und sie werden wieder - Charaktere.

		-- Christian Morgenstern
%
  Der Papagei

Palma Kunkels Papagei
spekuliert nicht auf Applaus;
niemals, was auch immer sei,
spricht er seine Wrter aus.

Deren Zahl ist ohne Zahl:
denn er ist das klgste Tier,
das man je zum Kauf empfahl,
und der Zucht vollkommne Zier.

Doch indem er streng dich mit,
scheint sein Zungenglied verdorrt.
Gleichviel, wer du immer bist,
er verrt dir nicht ein Wort.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Zirbelkiefer

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrse hin;
sie las in einem Buche jngst,
die Seele se dort darin.

Sie se dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und auerordentlich gescheit.

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrse hin;
sie wei nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.

		-- Christian Morgenstern
%
  Erntelied

Wo gestern noch der Felder Meer
gewogt in allen Farben,
steht heut in Reih und Glied ein Heer
festlich gegrteter Garben.

Es will der goldne Heeresbann
vor Frost und Hungers Wten
das ganze Dorf mit Maus und Mann
bis bers Jahr behten.

Und liegen die Bataillone erst
im sichern Scheunquartiere,
du fndst, und wenn du der Knig wrst,
nicht bessre Grenadiere.

		-- Christian Morgenstern
%
  Nach Norden

Palmstrm ist nervs geworden;
darum schlft er jetzt nach Norden.

Denn nach Osten, Westen, Sden
schlafen, heit das Herz ermden.

(Wenn man nmlich in Europen
lebt, nicht sdlich in den Tropen.)

Solches steht bei zwei Gelehrten,
die auch Dickens schon bekehrten -

und erklrt sich aus dem steten
Magnetismus des Planeten.

Palmstrm also heilt sich rtlich,
nimmt sein Bett und stellt es nrdlich.

Und im Traum, in einigen Fllen,
hrt er den Polarfuchs bellen.

		-- Christian Morgenstern
%
  Die Lmmerwolke

Es blkt eine Lmmerwolke
am blauen Firmament,
sie blkt nach ihrem Volke,
das sich von ihr getrennt.

Zu Bomst das Luftschiff "Gunther"
vernimmts und fhrt empor
und bringt die Gute herunter,
die, ach, so viel verlor.

Bei Bomst wohl auf der Weide,
da schwebt sie nun voll Dank,
drei Jungfraun in weiem Kleide,
die bringen ihr Speis und Trank.

Doch als der Morgen gekommen,
der nchste Morgen bei Bomst, -
da war sie nach Schrimm verschwommen,
wohin du von Bomst aus kommst . . .

		-- Christian Morgenstern
%
      Zukunftssorgen
Korf, den Ahnung leicht erschreckt,
sieht den Himmel schon bedeckt
von Ballonen jeder Gre
und verfertigt ganze Ste
von Entwrfen zu Statuten
eines Klubs zur resoluten
Wahrung der gedachten Zone
vor der Willkr der Ballone.
  Doch er ahnt schon, ach, beim Schreiben
  seinen Klub im Rckstand bleiben:
  Dmmrig, dnkt ihn, wird die Luft
  und die Landschaft Grab und Gruft.
  Er begibt sich drum der Feder,
  steckt das Licht an (wie dann jeder),
  tritt damit bei Palmstrm ein,
  und so sitzen sie zu zwein.
Endlich, nach vier langen Stunden,
ist der Alpdruck berwunden.
Palmstrm bricht zuerst den Bann:
"Korf", so spricht er, "sei ein Mann!
Du vergreifst dich im Jahrzehnt:
Noch wird all das erst ersehnt,
was, vom Geist dir vorgegaukelt,
heut dein Haupt schon berschaukelt."
  Korf entrafft sich dem Gesicht.
  Niemand fliegt im goldnen Licht!
  Er verlscht die Kerze schweigend.
  Doch dann, auf die Sonne zeigend,
  spricht er: "Wenn nicht jetzt, so einst -
  kommt es, da du nicht mehr scheinst,
  wenigstens nicht uns, den - grausend
  sag ichs -: unteren Zehntausend!" . . .
Wieder sitzt v. Korf danach
stumm in seinem Schreibgemach
und entwirft Statuten eines
Klubs zum Schutz des Sonnenscheines.
		-- Christian Morgenstern
%
  Scholastikerprobleme
         I
Wieviel Engel sitzen knnen
auf der Spitze einer Nadel -
wolle dem dein Denken gnnen,
Leser sonder Furcht und Tadel!
  "Alle!" wirds dein Hirn durchblitzen.
  "Denn die Engel sind doch Geister!
  Und ein ob auch noch so feister
  Geist bedarf schier nichts zum Sitzen."
Ich hingegen stell den Satz auf:
Keiner! - Denn die nie Ersphten
knnen einzig nehmen Platz auf
geistlichen Lokalitten.
         II
Kann ein Engel Berge steigen?
Nein. Er ist zu leicht dazu.
Menschenfu und Menschenschuh
bleibt allein dies Knnen eigen.
  Lockt ihn dennoch dieser Sport,
  mu er wieder sich ver-erden
  und ein Menschenfrulein werden
  etwa namens Zuckertort.
Allerdings bemerkt man immer,
was darin steckt und von wo -
denn ein solches Frauenzimmer
schreitet anders als nur so.
		-- Christian Morgenstern
%
        Das Warenhaus
Palmstrm kann nicht ohne Post
leben:
Sie ist seiner Tage Kost.
  Tglich dreimal ist er ganz
  Spannung.
  Tglich ists der gleiche Tanz:
Selten hrt er einen Brief
plumpen
in den Kasten breit und tief.
  Dster schilt er auf den Mann,
  welcher,
  wie man wei, nichts dafr kann.
Endlich kommt er drauf zurck,
auf das:
"Warenhaus fr Kleines Glck".
  Und bestellt dort, frisch vom Rost
  (quasi):
  ein Quartal - "Gemischte Post"!
Und nun kommt von frh bis spt
Post von
aller Art und Qualitt.
  Jedermann teilt sich ihm mit,
  brieflich,
  denkt an ihn auf Schritt und Tritt.
Palmstrm sieht sich in die Welt
pltzlich
berall hineingestellt . . .
  Und ihm wird schon wirr und weh . . .
  Doch es
  ist ja nur das - "W. K. G."
    -- Christian Morgenstern
%
   Das Butterbrotpapier
Ein Butterbrotpapier im Wald, -
da es beschneit wird, fhlt sich kalt . . .
  In seiner Angst, wiewohl es nie
  an Denken vorher irgendwie
gedacht, natrlich, als ein Ding
aus Lumpen usw., fing,
  aus Angst, so sagte ich, fing an
  zu denken, fing, hob an, begann,
zu denken, denkt euch, was das heit,
bekam (aus Angst, so sagt ich) - Geist,
  und zwar, versteht sich, nicht blo so
  vom Himmel droben irgendwo,
vielmehr infolge einer ganz
exakt entstandnen Hirnsubstanz -
  die aus Holz, Eiwei, Mehl und Schmer,
  (durch Angst) mit berspringen der
sonst blichen Weltalter, an
ihm Boden und Gef gewann -
  [(mit berspringung) in und an
  ihm Boden und Gef gewann].
Mit Hilfe dieser Hilfe nun
entschlo sich das Papier zum Tun, -
  zum Leben, zum - gleichviel, es fing
  zu gehn an - wie ein Schmetterling . . .
zu kriechen erst, zu fliegen drauf,
bis bers Unterholz hinauf,
  dann ber die Chaussee und quer
  und kreuz und links und hin und her -
wie eben solch ein Tier zur Welt
(je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.
  Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! -
  Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,
erblickts (wir sind im Januar . . .) -
und schickt sich an, mit Haut und Haar -
  und schickt sich an, mit Haar und Haut -
  (wer mag da endigen!) (mir graut) -
(Bedenkt, was alles ntig war!) -
und schickt sich an, mit Haut und Haar - -
  Ein Butterbrotpapier im Wald
  gewinnt - aus Angst - Naturgestalt . . .
Genug!! Der wilde Specht verschluckt
das unersetzliche Produkt . . .
		-- Christian Morgenstern
%
      Der Droschkengaul
"Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, -
doch philosophisch regsam;
der Fre-Sack hngt mir kaum ums Maul,
so werd ich berlegsam.
Ich schwenk ihn her, ich schwenk ihn hin,
und bei dem trauten Schwenken
geht mir so manches durch den Sinn,
woran nur Weise denken.
  Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, -
  doch sann ich oft voll Sorgen,
  wie ich den Hafer brcht ins Maul,
  der tief im Grund verborgen.
  Ich schwenkte hoch, ich schwenkte tief,
  bis mir die Ohren klangen.
  Was dort in Nacht verschleiert schlief,
  ich konnt es nicht erlangen.
Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, -
doch mag ich Trost nicht missen
und sage mir: So steht es faul
mit allem Erdenwissen;
es frit im Weisheitsfuttersack
wohl jeglich Maul ein Weilchen,
doch nie erreichts - o Schabernack -
die letzten Bodenteilchen."
		-- Christian Morgenstern
%
Ein modernes Mrchen
  I. Frchte der Bildung
Schrnke ffnen sich allein,
Schrnke klaffen auf und spein
Frcke, Hosen aus und Kleider
nebst den Attributen beider.
  Und sie wandeln in den Raum
  wie ein sonderbarer Traum,
  wehen hin und her und schreiten
  ganz wie zu benutzten Zeiten.
Auf den Sofas, auf den Truhn
sieht man sitzen sie und ruhn,
auf den Sesseln, an den Tischen,
am Kamin und in den Nischen.
  Seltsam sind sie anzuschaun,
  kopflos, handlos, Mnner, Fraun;
  doch mit Recht verwundert jeden,
  da sie nicht ein Wrtlein reden.
Dieser Frack und jener Rock,
beide schweigen wie ein Stock,
lehnen ab, wie einst im Mrchen,
sich zu rufen Franz und Klrchen.
  Ohne Mund entsteht kein Ton,
  lernten sie als Kinder schon:
  Und so reden Wams und Weste
  lediglich in stummer Geste.
Ein Uhr schlgts, die Schrnke schrein:
"Kommt, und mg euch Gott verzeihn!"
Krachend fliegen zu die Flgel,
und - nur eins hngt nicht am Bgel!
		-- Christian Morgenstern
%
   Im Reich der Interpunktionen
Im Reich der Interpunktionen
nicht frder goldner Friede prunkt:
  Die Semikolons werden Drohnen
  genannt von Beistrich und von Punkt.
Es bildet sich zur selben Stund
ein Antisemikolonbund.
  Die einzigen, die stumm entweichen
  (wie immer), sind die Fragezeichen.
Die Semikolons, die sehr jammern,
umstellt man mit geschwungnen Klammern
  und setzt die so gefangnen Wesen
  noch obendrein in Parenthesen.
Das Minuszeichen naht, und - schwapp!
da zieht es sie vom Leben ab.
  Kopfschttelnd blicken auf die Leichen
  die heimgekehrten Fragezeichen.
Doch, wehe! neuer Kampf sich schrzt:
Gedankenstrich auf Komma strzt -
  und fhrt ihm schneidend durch den Hals,
  bis dieser gleich - und ebenfalls
(wie jener mrderisch bezweckt)
als Strichpunkt das Gefild bedeckt! . . .
  Stumm trgt man auf den Totengarten
  die Semikolons beider Arten.
Was brig von Gedankenstrichen,
kommt schwarz und schweigsam nachgeschlichen.
  Das Ausrufszeichen hlt die Predigt;
  das Kolon dient ihm als Adjunkt.
Dann, jeder Kommaform entledigt,
stapft heimwrts man, Strich, Punkt, Strich, Punkt . . .
		-- Christian Morgenstern
%
     Die unmgliche Tatsache
Palmstrm, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
berfahren.
  "Wie war" (spricht er, sich erhebend
  und entschlossen weiterlebend)
  "mglich, wie dies Unglck, ja -:
  da es berhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
  Oder war vielmehr verboten,
  hier Lebendige zu Toten
  umzuwandeln, - kurz und schlicht:
  Durfte hier der Kutscher nicht -?"
Eingehllt in feuchte Tcher,
prft er die Gesetzesbcher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
  Und er kommt zu dem Ergebnis:
  "Nur ein Traum war das Erlebnis.
  Weil", so schliet er messerscharf,
  "nicht sein kann, was nicht sein darf."
    -- Christian Morgenstern
%
Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen

Der Ochsenspatz
die Kamelente
der Regenlwe
die Turtelunke
die Schoeule
der Walfischvogel
die Quallenwanze
der Grtelstier
der Pfauenochs
der Werfuchs
die Tagtigall
der Sgeschwan
der Swassermops
der Weinpinscher
das Sturmspiel
der Eulenwurm
der Giraffenigel
das Rhinozepony
die Gnseschmalzblume
der Menschenbrotbaum.

		-- Christian Morgenstern
%
Schlielich, und endlich: was vermisse ich unter meinen Mitmenschen am
meisten: Wirkliche, wirkliche Phantasie.
		-- Christian Morgenstern
%
Schn ist eigentliches alles, was man mit Liebe betrachtet.
		-- Christian Morgenstern
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Einen Krieg beginnen, heit nicht weiter, als einen Knoten
zerschlagen, statt ihn aufzulsen.
		-- Christian Morgenstern
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Unsere Zeit, welche die interessanten "Aberglauben" frherer Zeitalter
selbstbewut entwertet, ist selbst nur weniger interessant,
keineswegs weniger aberglubisch, und wird einst ungleich anderer
Nachsicht der Betrachtung bedrfen, wenn sptere Geschlechter
eingesehen haben werden, da dem Menschen, unbeschadet aller
begreiflichen und jeweils sogar notwendigen Vordergrundsoptiken, als
letzte Hintergrundstimmung doch nur eines ziemt: bei Gott kein Ding
fr unmglich zu halten.
		-- Christian Morgenstern (Stufen)
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